Ein Spieler – ein Genie – ein Martiniglas (Teil 2)

© Rainer Sturm / PIXELIOEin halbes Duzend junge Frauen, nein, Nabakov’sche Nympfchen in knallengen gelben Badeanzügen laufen an ihm vorbei hinaus auf die Terrasse, hin zur Bar am Swimming-Pool. Mitch schwebt ihnen hinterher und findet sich inmitten einer feuchtfröhlichen Partygesellschaft wieder. Man reicht ihm einen Cocktail und ein silbernes Tablett mit original kolumbianischen Exportgütern. Mitch atmet aus und gönnt sich genüßlich zwei der wunderbaren weißen Pulverlinien. Er schwebt weiter, vorbei an zwei gut gekleideten Männern, die kontrastierend alle Vor- und Nachteile des jüngst angebrochenen Videozeitalters für die Pornoindustrie erläutern; vorbei an einer Stafette von Liegestühlen, auf denen sich die Nympfchen beachtenswert niedergelassen haben; vorbei an zwei weißen Tigern, die Mitch viel zu lebendig erscheinen, als dass er sie näher in Augenschein nehmen möchte. Eine lauthals lachende Menschengruppe am südlichen Poolende, dicht gedrängt um einen braungebrannten Mann in hellen Shorts, scheint ihm da im Moment viel interessanter sein.

Ein Kumpel aus alten UNITED-Tagen”, hört Mitch den Shorts-Mann sagen, “hat mit letztens einen Zeitungsausschnitt von drüben geschickt. Darin heißt es, ich hätte mit sieben Miss Worlds geschlafen. Unglaublich was diese debilen Schmierfinken so behaupten, oder? Also, ich kann mich heute maximal noch an drei erinnern.“ Wieder lautes Gelächter. Mitch traut seinen Ohren nicht und versucht sich durch die Gruppe näher an den Redner zu drängeln. Er kennt die Stimme, hat aber nicht das dazu passende Gesicht vor Augen. UNITED? Miss Worlds? Ja genau, denkt er, das muss doch der … Mitch plumbst direkt vor den Liegenstuhl, auf dem der Shorts-Mann sitzt, der vor Schreck fast sein silbernes Tablett fallen läßt. “George Best!”, entfleucht es Mitch. “Meine Freunde nennen mich Geordy. Mit wem habe ich das Vergnügen?”, antwortet es ihm.

Mitch will sich aufrichten und vorstellen. Doch ehe er die Senkrechte erreicht, rüttel ihn eine grobe, schwere Männerhand aus der Traumwelt zurück in die Realität. “Entschuldigung, Sir, ich muss hier alle Räume abschließen. Kommen Sie morgen wieder.” Es ist der Nachtwächter auf seinem Rundgang durch das Redaktionshaus. Nach einer kurzen Orientierungsphase kann Mitch freundlich nicken. Er greift seine braune Känguruleder-Aktentasche vom Schreibtisch, wischt sich den weißen Sabber aus dem Schnauzbart und wankt in Richtung der Fahrstühle am anderen Ende des mit Teakholz-Attrappen gesäumten Flurs.

George Best, denkt er. Ja, George Best war ein großer Spieler. In den elf Jahren die er für MAN UNITED in Old Trafford kickte, war er immer der beste Mann auf dem Platz. Vielleicht war er der talentierteste Spieler, den die Premier League je gesehen hat. Unvergessen sind seine Europacup-Tore gegen den großen Rivalen Benfica Lissabon. Im Viertelfinale 1966 demontierte er den ruhmreichen Eusebio mit seinem Team im eigenen Stadion, schoss 2 Tore beim 5:1 Auswärtssieg für UNITED. Zwei Jahre später führte Best UNITED gegen Benfica dann zum Titelgewinn. Mit 22, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wurde er zu Europas Fussballer des Jahres gewählt. Ein Held, ein Fussball-Idol war er, nicht nur in seiner nordirischen Heimat. Zur lebenden Legende wurde George Best aber weniger ob seines Könnens auf dem Rasen, als vielmehr durch seinen Aktionismus drumherum. In den 1960er Jahren nannte man ihn den “fünften Beatle”, obgleich keiner der Fab Four nur ansatzweise so viel Stil und Glamour verbreiten konnten, wie Bestie. Von seinem bei UNITED verdienten Geld hatte er sich schon frühzeitig ein paar Modeboutiquen und Nachtclubs gekauft, in denen er sein bester Kunde wurde. Fast täglich konnte die Presse über Best’sche Eskapaden im Alkohol- und Drogennirvana, wilde Kokainparties und reihenweise vernaschte Best-Bunnies berichten. Während der berühmt-berüchtigten Neujahrs-Spiele der Premier League – für die bisher noch kein Spieler seine Pötten nüchtern geschnürt hat – brach George Best regelmäßig den Promille-Rekord und schoß trotzdem immer noch ein Tor. Paradoxer Weise war es dann ein Schotte, der Georges Karriere bei UNITED Anfang der 1970er Jahre ein jähes Ende setzte. Tommy Docherty wurde neuer Clubmanager in Old Trafford und hatte so gar kein Verständnis für Geordies liebgewonnenes Ritual, sich vor jedem Spiel zur Aufmunterung erst mal eine mittlere Alkoholvergiftung zuzulegen. Im Januar 1974 durfte er gegen die Queens Park Rangers zum letzten mal im roten Dress aufs Feld wanken. Eine Ära ging zu Ende, UNITED stürzte in die Mittelmäßigkeit und George Best verließ wenig später das Land.

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