Ein Spieler – ein Genie – ein Martiniglas (Teil 4)

Donnerstag, früh am Nachmittag, S.-o.-S., Mitch’s Wohnung

Mitch liegt in voller Montur und mit dem Gesicht in die Matraze gedrückt auf seinem Bett. Der Fernseher läuft und sendet irgendeine, sehr nachlässig synchronisierte, brasilianische Telenovella in die Einzimmerwohnung. Auf dem Anrufbeantworter neben Mitch’s Bett warten vier neue Nachrichten darauf abgehört zu werden. Draußen brennt wieder die Sonne, Staub aus der nahen Kohlenmine und Abgassmog bestimmen das Straßenbild. Mitch erwacht und fühlt das Chaos in seiner Magengegend. Ein Kaffee ist schnell gemacht und ein paar ‘Players’ ohne Filter finden sich auch. Er sitzt auf seinem Bett und versucht sich in die Stellen seines Gehirns einzuloggen, die ihm Auskunft über die letzte Nacht geben können. Kaffee und Nikotin sind dabei ein gute Hilfe. Kurze Zeit später greift er zum Telefon, straft den wild blinkenden Anrufbeantworter mit Nichtbeachtung und führt zwei kurze Gespräche. Im Eisenschrank neben dem Fernseher findet Mitch seinen Rindleder-Koffer und wirft ein paar Sachen hinein. Als die Türklingel schellt schnappt er sich seine Sonnenbrille und verläßt die Wohnung. Draußen auf der Straße wartet schon das Taxi. Kurze Anweisungen an den pakistanischen Fahrer, gestikularisch auf äußerst kreativem Niveau erbracht, bringen Mitch auf den Weg zum Flughafen.

Freitag, kurz nach Mitternacht, San Francisco (S.F.), International Airport

© Martin Thies / PIXELIOFünfzehn Stunden Flug mit der Pan Am, inklusive Aufenthalt in Houston, haben deutliche Spuren auf Mitch’s Gesicht hinterlassen. Er ist müde, der Jetlag macht ihm zu schaffen und langsam hält er seine Idee, in San Francisco nach George Best zu suchen, für seine mit Abstand schlimmste Bierlaune der letzten zehn Jahre. Aber es hilft nichts, er ist jetzt hier und braucht erst einmal ein Hotel. Vor dem Flughafen warten schon zwei Reihen gelangweilter Taxis auf ihn. Er steigt in das erst beste und die junge Fahrerin, offensichtlich lateinamerikanischer Herkunft, wünscht Auskunft über das Fahrtziel. Er schlägt ein billiges Hotel in der Bay Area vor, in der Hoffnung, jenes würde nicht allzu weit vom Gelände des Golden Bay Fussballclubs liegen – George Bests letztem bekannten Aufenthaltort. Auf dem Weg dorthin kommen Chauffeuse und Fahrgast ins Gespräch.

“Woher kommen Sie, Sir?” fragt Maria-Lucia mit einem interessierten Blick in den Rückspiegel. “England”, antwortet Mitch etwas schroff. Nach Reden ist ihm gerade wahrlich nicht zumute. Aber Maria-Lucia lässt nicht locker, hält die Einsilbigkeit ihres Fahrgastes für eine landestypische Eigenart: Man kennt ja den britischen Snobismus. “Wollen Sie Urlaub machen in San Francisco?” “Nein.” “Müssen Sie arbeiten?” “Äh, … ja.” “Was ist ihr Beruf, Sir?” “Ich bin Sportjournalist.” “Oh, dann sind Sie bestimmt wegen der 49ers hier. Mein Bruder Diego sagt, sie spielen bisher eine gute Saison” “Nein, Football interessiert mich nicht. Ich schreibe über Fussball – oder Soccer, wie man es hier wohl nennt.” Für den sich nach Ruhe und Schlaf sehnenden Mitch erweist sich sein letztes Bekenntnis als folgenschwerer Fehler, denn jetzt ist Maria-Lucia in ihrem Element. Ein schier unendlicher Monolog ihrerseits nimmt seinen Lauf. Sie erzählt ihm von ihren 12 Brüdern, die noch in Costa Rica leben und dort quasi die Fussball-Nationnalmannschaft bilden. Sie erzählt ihm von Pele und Beckenbauer, die sie beide letztens beim Auswärtsspiel von Cosmos New York in San Francisco mit IHREM Taxi noch rechtzeitig zum Anpfiff ins Golden Bay Stadion gebracht hat. Und sie erzählt ihm von ihrem kleinen Neffen Juanito, der Eusebio zum verwechseln ähnlich sehe. Die Frau ist zweifelsohne vollkommen verrückt und Mitch unglaublich todsterbensmüde. Er legt den Kopf zurück und schläft ein. Er will zurück in seinen Schreibtisch-Traum, noch ein bisschen mit den Nympchen spielen, vielleicht noch etwas von den kolumbianischen Exportgütern testen …

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