Ein Spieler – ein Genie – ein Martiniglas (Teil 6)

Freitag, später Vormittag , S.F., “Blue Doors Hotel”, Dinnerlounge

Mitch ist speiübel und er legt die Gabel neben seinen, mit sieben ungewöhnlich großen Alabama-Meiskolben gefüllten, Teller. Die Erlebnisse am Morgen liegen ihm noch etwas schwer im Magen. Kurze Zeit nachdem zwei Männer mit Schlecht sitzenden Jackets und slawischem Akzent George Best’s Bettgespräch unauffällig zum Hintereingang gebracht hatten, war auch Mitch wieder zurück in sein Zimmer gegangen. Jetzt sind er und der ehemalige UNITED-Stürmer hier zum Essen verabredet. In diesem Augenblick erscheint Best in einem beige-grünen Bademantel und lässt sich an Mitch’s Tisch nieder. Er bestellt drei rohe Eier im Martini-Glass, zündet eine Zigarette an und sagt: “Diese jungen Dinger sind einfach zu gierig, wissen nie, wann sie genug haben. Na, egal. Was machen sie eigentlich hier? Sie sind Engländer, oder?” “Ja, ich bin Engländer.”, antwortet Mitch und fährt fort: “Mr. Best, ich bin hier, weil ich sie gesucht habe.” “Sie haben mich gesucht? Kennen wir uns von irgendwoher?” “Nein, ich bin Journalist und ich würde gern mit ihnen ein Interview machen.” “Ein Interview? So etwas hab ich schon lange nicht gemacht und wollte es auch eigentlich nie wieder tun. All’ die Lügen, die ihre Kollegen in den letzten Jahren so verbreitet haben… Naja, von mir aus. Sie haben mir ja heute morgen auch geholfen.” George Best zündet sich eine weitere Zigarette an und schluckt den Inhalt des Martiniglases in einem Zug herunter. Nach einem kurzen Moment der Besinnung legt Mitch los:

Mitch: “Mr. Best, spielen sie noch Fußball?”

George Best: lacht “Ach ja, Fussball, da war ja mal was. Nein, sicher nicht. Hier in diesem Land kann man keinen Fussball spielen. Die Yankees denken vielleicht, sie würden es tun, aber eigentlich ist das nur Kinderkram, so wie Basketball. Kaum willst Du mal in einen Zweikampf gehen, fällt dein Gegenüber schluchzend um und gibt dir die Visitenkarte von seinem Anwalt. Ich hatte in den letzten zwei Jahren vier Prozesse wegen Körperverletzung. Dabei hatte ich doch immer nur den Ball gespielt.”

Mitch: “Warum kommen Sie dann nicht zurück nach England?”

George Best: “Fuck off! Mit England bin ich fertig. Falls ich doch noch einmal englischen Boden betreten werde, dann nur um dieser debilen Pissnelke Docherty (Tommy Docherty, UNITED-Manager, Red.) seinen Schwanz abzuschneiden und ihm das winzige Ding dann ihn sein dreckiges Maul zu stopfen.

Mitch: “Kann ich das so schreiben?”

George Best: “Natürlich können sie!”

Mitch: “Verfolgen Sie die aktuellen Geschehnisse in der Premier League? Gibt es einen Spieler, den sie dort heute schätzen, vielleicht Ian Rush von Liverpool?

George Best: Ian Rush? Der kann nicht mit links schiessen, kann den Ball nicht führen, sieht scheiße beim Tackling aus und er schiesst viel zu wenig Tore. Aber ansonsten ist er ganz gut.

Mitch: “Kommen wir zu dem, was sie jetzt machen. Wenn ich mal einen Satz von heute Morgen aufgreifen darf: Mr. Best, ab wann lief eigentlich alles schief?”

George Best: “Keine Ahnung, was Sie meinen? Solche Sachen, wie die von vorhin, kommen einfach vor. Es ist doch normal, dass man mal etwas über die Stränge schlägt. Haben sie noch nie einen Tropfen zuviel getrunken?”

Mitch: “Doch natürlich. Aber meine Saufkumpels hat danach noch nie die russische Kokainpatrouille zum harten Entzug begleiten müssen.”

George Best: “Jetzt übertreiben Sie aber, das war doch halb so schlimm. Der Kleinen passiert schon nichts. Morgen steht sie wieder zum arbeiten auf der Straße.”

Mitch: “Wenn ich an das viele Geld vorhin in Ihrem Bett denke, kann es Ihnen ja zumindest nicht schlecht gehen. Sie haben ja auch in den Jahren bei UNITED einiges an Prämien eingesteckt und der Transfer zu den Aztecs dürfte ihren Anlageberater gefreut haben. Haben Sie sich hier ein schönes Haus am Meer gekauft und vielleicht auch wieder in Bars und Boutiquen investiert?”

George Best: Ich wohne in einem guten Hotel, unten am Hafen. Mir ein Haus zu suchen, war einfach viel zu anstrengend. Außerdem ist auch nicht mehr so viel vom Geld übrig.

Mitch: Was haben sie denn damit gemacht?

George Best: “Naja, so dies und das. Ich habe viel für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Und den Rest habe ich einfach so verprasst.”

Das Interview geht noch etwa eine halbe Stunde so weiter. Dann kommen drei Männer in bunten Hawaihemden und kurzen Shorts, offensichtlich Freunde von George Best und er verabschiedet sich. Er müsse jetzt was erledigen, wolle aber am Abend wieder zurück kommen und Mitch dann mit auf eine Party bei Hugh Hefner nehmen. Mitch wartete zwei Tage. Dann entscheidet er sich zurück nach England zu fliegen, seiner Exfrau mal so richtig die Meinung zu sagen, ihren gemeinsamen Balg ins Heim zu geben, seinem Chef die Stadion-Akkreditierung in den Arsch zu stecken und dem ‘Daily Mirror’ dieses Interview mit George Best anzubieten – für einen Koffer voll Geld, versteht sich …

Ende

Dieser Text ist 2005 in der 62. Ausgabe des Leipziger Musikmagazins „Persona Non Grata“ in einem Special zum Thema Sport erschienen.

Das Heft lässt sich für 8 Euro im Shop der PNG nachbestellen.

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