Ein Spieler – ein Genie – ein Martiniglas (Teil 5)

“Hallo, Sir? Wachen Sie auf, wir sind angekommen? Hallo?” Maria-Lucia rüttelt an Mitch’s Schultern. Das mag er gar nicht, aber die Aussicht endlich aus diesem Taxi heraus und in ein gutes amerikanisches Bett hinein zu kommen, läßt seine Augenlider heben. “Wo sind wir?” “Sie wollten doch in ein billiges Hotel, Sie Fussballjournalist. Dieses hier wird ihnen bestimmt gefallen! Es ist quasi wie für Sie gemacht.” Als Mitch aus dem Taxi steigt und seinen Blick über das “Blue Doors” schweifen lässt, ahnt er, dass seine Fahrerin ihm seine konsequente Teilnahmslosigkeit an ihrem Familienepos wohl etwas übel genommen hat. Außer der namensgebenden marineblauen Eingangstür ist nichts an dieser Absteige in gutem Zustand. Auch die anderen Häuser in der Umgebung haben wohl schon vor Jahren, vielleicht Jahrzehnten ihre besten Tage gehabt. Die berühmte Bay Area ist das hier ganz sicher nicht. Aber egal, das “Hotel” ist sicher preiswert und Mitch will jetzt nur noch ins Bett. Er greift seinen Rindleder-Koffer vom Rücksitz und wünscht Maria-Lucia noch eine gute Fahrt. Sie wirft ihm ihrerseits ein Lächeln samt Augenzwinkern zu und rast davon. “Seit wann kennt man in Mittelamerika so etwas wie Ironie”, denkt Mitch und geht hinein.

Freitag, früh am Morgen, S.F., “Blue Doors Hotel”, dritte Etage, Zimmer 308

© Jens Kühnemund / PIXELIOMitch schläft, sein Körper liegt dicht zusammengerollt auf einem großen Doppelbett. Das Fenster ist weit geöffnet und läßt neben den Straßengeräuschen der erwachenden Stadt auch ein paar Strahlen der aufgehenden Sonne auf die olivgrüne Tapete über ihm scheinen. Außer dem Bett sind im Zimmer-Preis noch ein Stahlrohrstuhl, ein Glastisch, ein Foto von der nächtlich beleuchteten Golden-Gate sowie ein hölzerner Schrank enthalten. Auf eben jenem hat Mitch vor ein paar Stunden seinen Rindleder-Koffer abgelegt, ehe er wie ein Stein in die Koje fiel. Ein zweifelsohne friedliches Bild, in das nur der langsam über die Schrankkante nach vorn rückende Rindleder-Koffer nicht so richtig passen mag. Ehe jetzt beim Leser Hoffnungen auf ein weiteres Sequel von “Poltergeist” aufkeimen, kann sich der Grund für den mobilen Trage-Gegenstand im vibrierenden Schrank gefunden werden, der seinerseits von der dahinter befindlichen Wand in Bewegung gehalten wird. Im Nachbarzimmer lebt offensichtlich eine Büffelherde oder Run DMC rücken ihre Bassboxen quer durch den Raum. Nach ein paar Minuten fällt der Koffer mit lautem Getöse herunter und Mitch erwacht. Ungewöhnlicher Weise ist er sofort Herr der Lage, hat den Übeltäter, der seinen Schlaf unterbrach, lokalisiert, sowie die Assoziationskette zu den Mitschuldigen – Schrank, Wand und Nachbarzimmer – geschlossen. Geschwind streift Mitch Hose und Hemd über und ist bereit seinen Nachbarn auf klassisch-englische Fussballerart zurechtzuweisen.

Als er den Hotelflur betritt, sieht er den Zimmerpagen samt Champagnerflasche im Nachbarzimmer verschwinden. Mitch folgt ihm und wird bald Zeuge jener Worte des Pagen, die durch Mitch’s Überlieferung später Weltruhm erlangen sollten: “Sagen Sie mir doch, Mr. Best, ab wann lief eigentlich alles falsch?” Mitch drängelt sich am Pagen vorbei und hat nun freie Sicht auf das, was jemanden zu einer solchen Aussage bewegen mag. Überall liegen Bekleidungsstücke auf dem Boden. In den Ecken stabeln sich Bierdosen und Hochprozentiges. Die Vorhänge an den Fenstern wurden durch hemmungslose Gewaltanwendung heruntergerissen. Natürlich darf auch eine schneeweisse Leupe auf dem Tisch nicht fehlen. Die Krönung ist aber zweifelsohne das Doppelbett: Zwischen einem Meer aus Geldscheinen, vielleicht zwanzig Riesen in kleinen Scheinen, liegt eine Brünette, vermutlich Jamie Lee Curtis’ Körperdouble. Neben ihr kniet ein beleibter George Best und schreit sie an, rüttelt an ihren Armen und Beinen. Doch auf dem mit Makeup und Nasenblut verschmierten Gesicht der Beauty ist keine Regung zu erkennen. Ein klarer Fall für die Kokainambulanz. Dem Zimmerpagen scheint eine solche Situation nicht fremd. Er weiß was zu tun ist, saust ins Badezimmer, lässt die Wanne mit kaltem Wasser volllaufen. Mit vereinten Kräften trägt man den leblosen Frauenkörper vom Bett hinüber zum ‘Frischmachen’ und nach einigen Momenten im Kälteschock der Wanne ist das Gröbste überstanden. “Ich regele das, Mr. Best, das gehört bei uns zum Service”, ruft der Zimmerpage auf dem Weg nach draußen.

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