Ein Spieler – ein Genie – ein Martiniglas (Teil 3)

“Gute Nacht, Wächter”, sagt Mitch als hinter ihm die Türen des Redaktionsgebäudes abgeschlossen werden. Sturm und Regen haben sich inzwischen gelegt, einzig ein paar Schlammpfützen und umgeworfene Mülltonnen zeugen noch von der temporären atmosphärischen Turbulenz vor ein paar Stunden. Noch ein paar Augenblicke und die Sonne wird wieder am Firmament erscheinen. Mitch beschließt auf ein oder zwei Pints in seiner Stammkneipe in der Barneby-Street einzukehren.

Donnerstag, Morgengrauen, S.-o.-S., “Extratime” – Mitch’s Stammkneipe

© Lukas Flaschinski / PIXELIOAls Mitch sich an die Theke setzt, zapft man ihm unaufgefordert ein Strongbow. Das “Extratime” ist keiner dieser romatischen Pubs, wie man sie auf der Umschlagseite eines Marco Polo-Reiseführer serviert bekommt. Anstatt uriger Gemütlichkeit vor Teakholz beschlagenden Wänden regieren hier fade Plastik und frustrierende Nüchternheit. Immerhin gibt es zwei Fernseher und jede Menge vergilbte Fotos an den Wänden. Spieler in Three-Lions-Shirts posieren darauf mit diversen Pokalen, blutenden Kopfplatzwunden, klaffenden Zahnlücken oder leichtbekleideten Mädchen – mit englischen Fußballdevotionalien eben. Auf einem kleinen Bild neben dem Münzfernsprecher ist auch der Kraut-Bomber Gerd Müller zu sehen, wie er im Dress von Ford Lauderdale eines seiner berühmten Abstaubertore macht. Darunter steht handschriftlich: “The Blitzkrieg reached America.” Wie viele andere Fussballstars der 1970er Jahre hatte Schnapsnase Müller für ein paar Jahre sein Glück in der amerikanischen “Operetten”-Liga gesucht und damit vor allem sein Bankkonto aufgebessert. Auch George Best war nach dem Rauswurf bei UNITED und einem kurzen Intermezzo bei Stockport County für ein Jahr nach Los Angeles zu den Aztecs gewechselt. Gespielt hat er dort wenig. Dafür tat er einiges für seinen Ruf als unabdinglicher Partyhengst und für seine erste Lebertransplantation. Nach einer miserablen Saison mit den Aztecs zog es ihn nocheinmal zurück auf die Insel und er fand in der dritten Liga bei Fulham ein paar ehrfürchtige Mitspieler. Es konnte aber gar nicht so viel Whiskey geben, wie George ihn gebraucht hätte, um länger als eine Saison bei diesem billigen Vorortclub auszuharren. Vor drei Jahren flog er wieder nach Kalifornien. Dort war das Wetter besser, die Parties zügelloser, die Drogen reiner und die Journalisten interessierten sich nicht für Fussball. Best heuerte beim mittelmäßigen Team von San Francisco Golden Bay an. Wahrscheinlich hat er deren Stadion aber nie wirklich von innen gesehen, denn seither ist sein Konterfei aus der Sportpresse verschwunden.

“Hey Barney, kennste noch Geordy?”, ruft Mitch. Der angesprochene Barmann stutzt einen Moment. “Na klar. Best was the best! Ist der nicht irgendwo in Asien und trainiert jetzt die Leibgarde von Pol Pot?” “Nee, wenn schon, dann hat er die Roten Khmer zum Auftanken in die Staaten eingeladen. Ich glaube er ist gerade in San Francisco.” Beide lachen und Barney schnappt sich Mitch’s leeres Glass, schenkt nach und macht eine Runde Herren-Gedeck klar. “Lange nichts von Geordy gelesen. Schade eigentlich, heute gibt’s doch keine Spieler mehr von seinem Format.” “Da haste recht, Barney, sehr Schade.” Beide stoßen an und starren für eine Weile vor sich hin. Als der Schnapps in Mitch plötzlich in der denkbar unangenehmsten Richtung nach einem Ausgang sucht, weiß der Topjournalist intuitiv, dass es Zeit für den Heimweg ist. Auf dem Weg zur Tür ruft ihm Barney zu: “Bleib senkrecht! Sag doch mal Bescheid, wenn Du wieder was von Geordy hörst.”

Mitch’s Heimweg ist wie immer in diesem Zustand nicht gerade gradlinig und so bleibt ihm einige Zeit zum nachdenken. An der Ecke Wordsworth-Road/Thackery-Street weiß er, was zu tun ist. Aber erst mal muss das Gift aus seinem Blut.

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