Ein Spieler – ein Genie – ein Martiniglas

Mittwoch, kurz vor Mitternacht, Southend-on-Sea (S.-o.-S.), Redaktionsgebäude, neunte Etage

© Thilo Reiter / PIXELIOHinter der letzten milchgläsernen Bürotür, am Ende eines mit Teakholz-Attrappen beschlagenen Flurs, übertönt ein regelmäßiges Röcheln unschwer das Summen der Deckenventilatoren. Draußen vor dem Bürofenster wirft ein Sturm schmierige Böhen aus Regen, Koks und Straßendreck gegen die getönten Scheiben. Endlich Regen, nach Wochen ununterbrochener Hitze endlich Regen. Seit vier Jahren, seit der sommerlichen Hitzewelle 1976, hatte die Sonne nicht mehr so lange ungeschoren auf die Stadt gebrannt. Mitch konnte gar nicht so viel saufen, um seinem unabdinglich schwitzenden Körper wieder ausreichend aufzutanken. Er sitzt in dem kleinen Büro am Schreibtisch. Genauer gesagt ist sein Oberkörper auf jenen vor gut vier Stunden niedergesunken. Mitch schläft. Er schläft wahrscheinlich den tiefen Schlaf eines Johnny Beam, José Bacardi oder Boris Smirnoff. Oder er war einfach nur müde. Zum Schlafen findet sich immer ein Anlaß.

Mitch weiß zweifelsohne jede Menge Gründe, der Realität eine gute Nacht zu wünschen und in die unendlichen Weiten einer gesunden Bewußtlosigkeit abzutauchen. Er sieht sich seit geraumer Zeit den klassischen Beweggründen einer Mitdreißiger-Depression ausgesetzt: Frau ausgeflogen, Bälger gibt’s jedes zweite Wochenende. Dafür drücken Unterhaltsforderungen an jedem Monatsersten den Kontostand gen Dispokredit. Karriere? Welche Karriere? Nennen wir’s einen Job. Schriftsteller wollte er sein, gefeierter Romancier, von mir aus auch Literaturnobelpreisträger. Journalist ist er geworden, nicht mal Großstadt-Feuilleton – beschissene Sportredaktion bei einem verschissenen Provinzblättchen. Immerhin darf er jede Woche kostenlos ins Stadion zu UNITED. Nur leider spielt dieses UNITED in der Fourth Division, also der fünften englischen Liga und eint somit nur den Namen mit dem ruhmreichen Club aus Manchester. Mitch hat es satt jede Woche wortreiche Lobeshymnen auf nicht einmal ansatzweise talentierte Spieler in seine nagelneue Boerder-Schreibmaschine zu tippen. Aber der Boss will es so, die vierundzwanzig Spielerfrauen wollen es so und die schätzungsweise fünfzehn Fans, die jeden Montag- und Donnerstagmorgen die Freiverkaufszahlen der Zeitung in die Höhe schnellen lassen, wollen es auch so. Vor vier Stunden hat er seine unkritisch optimistische Bewertung des heutigen Ligapokal-Debakels gegen Oxford abgeliefert und beschlossen, dass es so nicht weitergehen darf.

Es ist nur ein Traum, aber ein Traum zum einrahmen, den Mitch träumt. Er steht in einem großen Haus mit sonnendurchfluteten Räumen. Mitch schmeckt Salz und riecht Sonnenöl. Ja, er träumt sich in ein großen Haus am Ozean. Da ist Musik, irgendeiner dieser fluffigen, leicht dümmlichen Songs, die von luftigen Cabriolets und jeder Menge Psychopharmaka künden, dudelt vor sich hin. Oh ja, Mitch träumt sich in eine kalifornische Strandvilla.

© Rainer Sturm / PIXELIO
Ein halbes Duzend junge Frauen, nein, Nabakov’sche Nympfchen in knallengen gelben Badeanzügen laufen an ihm vorbei hinaus auf die Terrasse, hin zur Bar am Swimming-Pool. Mitch schwebt ihnen hinterher und findet sich inmitten einer feuchtfröhlichen Partygesellschaft wieder. Man reicht ihm einen Cocktail und ein silbernes Tablett mit original kolumbianischen Exportgütern. Mitch atmet aus und gönnt sich genüßlich zwei der wunderbaren weißen Pulverlinien. Er schwebt weiter, vorbei an zwei gut gekleideten Männern, die kontrastierend alle Vor- und Nachteile des jüngst angebrochenen Videozeitalters für die Pornoindustrie erläutern; vorbei an einer Stafette von Liegestühlen, auf denen sich die Nympfchen beachtenswert niedergelassen haben; vorbei an zwei weißen Tigern, die Mitch viel zu lebendig erscheinen, als dass er sie näher in Augenschein nehmen möchte. Eine lauthals lachende Menschengruppe am südlichen Poolende, dicht gedrängt um einen braungebrannten Mann in hellen Shorts, scheint ihm da im Moment viel interessanter sein.

Ein Kumpel aus alten UNITED-Tagen”, hört Mitch den Shorts-Mann sagen, “hat mit letztens einen Zeitungsausschnitt von drüben geschickt. Darin heißt es, ich hätte mit sieben Miss Worlds geschlafen. Unglaublich was diese debilen Schmierfinken so behaupten, oder? Also, ich kann mich heute maximal noch an drei erinnern.“ Wieder lautes Gelächter. Mitch traut seinen Ohren nicht und versucht sich durch die Gruppe näher an den Redner zu drängeln. Er kennt die Stimme, hat aber nicht das dazu passende Gesicht vor Augen. UNITED? Miss Worlds? Ja genau, denkt er, das muss doch der … Mitch plumbst direkt vor den Liegenstuhl, auf dem der Shorts-Mann sitzt, der vor Schreck fast sein silbernes Tablett fallen läßt. “George Best!”, entfleucht es Mitch. “Meine Freunde nennen mich Geordy. Mit wem habe ich das Vergnügen?”, antwortet es ihm.

Mitch will sich aufrichten und vorstellen. Doch ehe er die Senkrechte erreicht, rüttel ihn eine grobe, schwere Männerhand aus der Traumwelt zurück in die Realität. “Entschuldigung, Sir, ich muss hier alle Räume abschließen. Kommen Sie morgen wieder.” Es ist der Nachtwächter auf seinem Rundgang durch das Redaktionshaus. Nach einer kurzen Orientierungsphase kann Mitch freundlich nicken. Er greift seine braune Känguruleder-Aktentasche vom Schreibtisch, wischt sich den weißen Sabber aus dem Schnauzbart und wankt in Richtung der Fahrstühle am anderen Ende des mit Teakholz-Attrappen gesäumten Flurs.

George Best, denkt er. Ja, George Best war ein großer Spieler. In den elf Jahren die er für MAN UNITED in Old Trafford kickte, war er immer der beste Mann auf dem Platz. Vielleicht war er der talentierteste Spieler, den die Premier League je gesehen hat. Unvergessen sind seine Europacup-Tore gegen den großen Rivalen Benfica Lissabon. Im Viertelfinale 1966 demontierte er den ruhmreichen Eusebio mit seinem Team im eigenen Stadion, schoss 2 Tore beim 5:1 Auswärtssieg für UNITED. Zwei Jahre später führte Best UNITED gegen Benfica dann zum Titelgewinn. Mit 22, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wurde er zu Europas Fussballer des Jahres gewählt. Ein Held, ein Fussball-Idol war er, nicht nur in seiner nordirischen Heimat. Zur lebenden Legende wurde George Best aber weniger ob seines Könnens auf dem Rasen, als vielmehr durch seinen Aktionismus drumherum. In den 1960er Jahren nannte man ihn den “fünften Beatle”, obgleich keiner der Fab Four nur ansatzweise so viel Stil und Glamour verbreiten konnten, wie Bestie.

Von seinem bei UNITED verdienten Geld hatte er sich schon frühzeitig ein paar Modeboutiquen und Nachtclubs gekauft, in denen er sein bester Kunde wurde. Fast täglich konnte die Presse über Best’sche Eskapaden im Alkohol- und Drogennirvana, wilde Kokainparties und reihenweise vernaschte Best-Bunnies berichten. Während der berühmt-berüchtigten Neujahrs-Spiele der Premier League – für die bisher noch kein Spieler seine Pötten nüchtern geschnürt hat – brach George Best regelmäßig den Promille-Rekord und schoß trotzdem immer noch ein Tor. Paradoxer Weise war es dann ein Schotte, der Georges Karriere bei UNITED Anfang der 1970er Jahre ein jähes Ende setzte. Tommy Docherty wurde neuer Clubmanager in Old Trafford und hatte so gar kein Verständnis für Geordies liebgewonnenes Ritual, sich vor jedem Spiel zur Aufmunterung erst mal eine mittlere Alkoholvergiftung zuzulegen. Im Januar 1974 durfte er gegen die Queens Park Rangers zum letzten mal im roten Dress aufs Feld wanken. Eine Ära ging zu Ende, UNITED stürzte in die Mittelmäßigkeit und George Best verließ wenig später das Land.

“Gute Nacht, Wächter”, sagt Mitch als hinter ihm die Türen des Redaktionsgebäudes abgeschlossen werden. Sturm und Regen haben sich inzwischen gelegt, einzig ein paar Schlammpfützen und umgeworfene Mülltonnen zeugen noch von der temporären atmosphärischen Turbulenz vor ein paar Stunden. Noch ein paar Augenblicke und die Sonne wird wieder am Firmament erscheinen. Mitch beschließt auf ein oder zwei Pints in seiner Stammkneipe in der Barneby-Street einzukehren.

Donnerstag, Morgengrauen, S.-o.-S., “Extratime” – Mitch’s Stammkneipe

© Lukas Flaschinski / PIXELIOAls Mitch sich an die Theke setzt, zapft man ihm unaufgefordert ein Strongbow. Das “Extratime” ist keiner dieser romatischen Pubs, wie man sie auf der Umschlagseite eines Marco Polo-Reiseführer serviert bekommt. Anstatt uriger Gemütlichkeit vor Teakholz beschlagenden Wänden regieren hier fade Plastik und frustrierende Nüchternheit. Immerhin gibt es zwei Fernseher und jede Menge vergilbte Fotos an den Wänden. Spieler in Three-Lions-Shirts posieren darauf mit diversen Pokalen, blutenden Kopfplatzwunden, klaffenden Zahnlücken oder leichtbekleideten Mädchen – mit englischen Fußballdevotionalien eben. Auf einem kleinen Bild neben dem Münzfernsprecher ist auch der Kraut-Bomber Gerd Müller zu sehen, wie er im Dress von Ford Lauderdale eines seiner berühmten Abstaubertore macht. Darunter steht handschriftlich: “The Blitzkrieg reached America.” Wie viele andere Fussballstars der 1970er Jahre hatte Schnapsnase Müller für ein paar Jahre sein Glück in der amerikanischen “Operetten”-Liga gesucht und damit vor allem sein Bankkonto aufgebessert.

Auch George Best war nach dem Rauswurf bei UNITED und einem kurzen Intermezzo bei Stockport County für ein Jahr nach Los Angeles zu den Aztecs gewechselt. Gespielt hat er dort wenig. Dafür tat er einiges für seinen Ruf als unabdinglicher Partyhengst und für seine erste Lebertransplantation. Nach einer miserablen Saison mit den Aztecs zog es ihn nocheinmal zurück auf die Insel und er fand in der dritten Liga bei Fulham ein paar ehrfürchtige Mitspieler. Es konnte aber gar nicht so viel Whiskey geben, wie George ihn gebraucht hätte, um länger als eine Saison bei diesem billigen Vorortclub auszuharren. Vor drei Jahren flog er wieder nach Kalifornien. Dort war das Wetter besser, die Parties zügelloser, die Drogen reiner und die Journalisten interessierten sich nicht für Fussball. Best heuerte beim mittelmäßigen Team von San Francisco Golden Bay an. Wahrscheinlich hat er deren Stadion aber nie wirklich von innen gesehen, denn seither ist sein Konterfei aus der Sportpresse verschwunden.

“Hey Barney, kennste noch Geordy?”, ruft Mitch. Der angesprochene Barmann stutzt einen Moment. “Na klar. Best was the best! Ist der nicht irgendwo in Asien und trainiert jetzt die Leibgarde von Pol Pot?” “Nee, wenn schon, dann hat er die Roten Khmer zum Auftanken in die Staaten eingeladen. Ich glaube er ist gerade in San Francisco.” Beide lachen und Barney schnappt sich Mitch’s leeres Glass, schenkt nach und macht eine Runde Herren-Gedeck klar. “Lange nichts von Geordy gelesen. Schade eigentlich, heute gibt’s doch keine Spieler mehr von seinem Format.” “Da haste recht, Barney, sehr Schade.” Beide stoßen an und starren für eine Weile vor sich hin. Als der Schnapps in Mitch plötzlich in der denkbar unangenehmsten Richtung nach einem Ausgang sucht, weiß der Topjournalist intuitiv, dass es Zeit für den Heimweg ist. Auf dem Weg zur Tür ruft ihm Barney zu: “Bleib senkrecht! Sag doch mal Bescheid, wenn Du wieder was von Geordy hörst.”

Mitch’s Heimweg ist wie immer in diesem Zustand nicht gerade gradlinig und so bleibt ihm einige Zeit zum nachdenken. An der Ecke Wordsworth-Road/Thackery-Street weiß er, was zu tun ist. Aber erst mal muss das Gift aus seinem Blut.

Donnerstag, früh am Nachmittag, S.-o.-S., Mitch’s Wohnung

Mitch liegt in voller Montur und mit dem Gesicht in die Matraze gedrückt auf seinem Bett. Der Fernseher läuft und sendet irgendeine, sehr nachlässig synchronisierte, brasilianische Telenovella in die Einzimmerwohnung. Auf dem Anrufbeantworter neben Mitch’s Bett warten vier neue Nachrichten darauf abgehört zu werden. Draußen brennt wieder die Sonne, Staub aus der nahen Kohlenmine und Abgassmog bestimmen das Straßenbild. Mitch erwacht und fühlt das Chaos in seiner Magengegend. Ein Kaffee ist schnell gemacht und ein paar ‘Players’ ohne Filter finden sich auch. Er sitzt auf seinem Bett und versucht sich in die Stellen seines Gehirns einzuloggen, die ihm Auskunft über die letzte Nacht geben können. Kaffee und Nikotin sind dabei ein gute Hilfe. Kurze Zeit später greift er zum Telefon, straft den wild blinkenden Anrufbeantworter mit Nichtbeachtung und führt zwei kurze Gespräche. Im Eisenschrank neben dem Fernseher findet Mitch seinen Rindleder-Koffer und wirft ein paar Sachen hinein. Als die Türklingel schellt schnappt er sich seine Sonnenbrille und verläßt die Wohnung. Draußen auf der Straße wartet schon das Taxi. Kurze Anweisungen an den pakistanischen Fahrer, gestikularisch auf äußerst kreativem Niveau erbracht, bringen Mitch auf den Weg zum Flughafen.

Freitag, kurz nach Mitternacht, San Francisco (S.F.), International Airport

© Martin Thies / PIXELIOFünfzehn Stunden Flug mit der Pan Am, inklusive Aufenthalt in Houston, haben deutliche Spuren auf Mitch’s Gesicht hinterlassen. Er ist müde, der Jetlag macht ihm zu schaffen und langsam hält er seine Idee, in San Francisco nach George Best zu suchen, für seine mit Abstand schlimmste Bierlaune der letzten zehn Jahre. Aber es hilft nichts, er ist jetzt hier und braucht erst einmal ein Hotel. Vor dem Flughafen warten schon zwei Reihen gelangweilter Taxis auf ihn. Er steigt in das erst beste und die junge Fahrerin, offensichtlich lateinamerikanischer Herkunft, wünscht Auskunft über das Fahrtziel. Er schlägt ein billiges Hotel in der Bay Area vor, in der Hoffnung, jenes würde nicht allzu weit vom Gelände des Golden Bay Fussballclubs liegen – George Bests letztem bekannten Aufenthaltort. Auf dem Weg dorthin kommen Chauffeuse und Fahrgast ins Gespräch.

“Woher kommen Sie, Sir?” fragt Maria-Lucia mit einem interessierten Blick in den Rückspiegel. “England”, antwortet Mitch etwas schroff. Nach Reden ist ihm gerade wahrlich nicht zumute. Aber Maria-Lucia lässt nicht locker, hält die Einsilbigkeit ihres Fahrgastes für eine landestypische Eigenart: Man kennt ja den britischen Snobismus. “Wollen Sie Urlaub machen in San Francisco?” “Nein.” “Müssen Sie arbeiten?” “Äh, … ja.” “Was ist ihr Beruf, Sir?” “Ich bin Sportjournalist.” “Oh, dann sind Sie bestimmt wegen der 49ers hier. Mein Bruder Diego sagt, sie spielen bisher eine gute Saison” “Nein, Football interessiert mich nicht. Ich schreibe über Fussball – oder Soccer, wie man es hier wohl nennt.”

Für den sich nach Ruhe und Schlaf sehnenden Mitch erweist sich sein letztes Bekenntnis als folgenschwerer Fehler, denn jetzt ist Maria-Lucia in ihrem Element. Ein schier unendlicher Monolog ihrerseits nimmt seinen Lauf. Sie erzählt ihm von ihren 12 Brüdern, die noch in Costa Rica leben und dort quasi die Fussball-Nationnalmannschaft bilden. Sie erzählt ihm von Pele und Beckenbauer, die sie beide letztens beim Auswärtsspiel von Cosmos New York in San Francisco mit IHREM Taxi noch rechtzeitig zum Anpfiff ins Golden Bay Stadion gebracht hat. Und sie erzählt ihm von ihrem kleinen Neffen Juanito, der Eusebio zum verwechseln ähnlich sehe. Die Frau ist zweifelsohne vollkommen verrückt und Mitch unglaublich todsterbensmüde. Er legt den Kopf zurück und schläft ein. Er will zurück in seinen Schreibtisch-Traum, noch ein bisschen mit den Nympchen spielen, vielleicht noch etwas von den kolumbianischen Exportgütern testen …

“Hallo, Sir? Wachen Sie auf, wir sind angekommen? Hallo?” Maria-Lucia rüttelt an Mitch’s Schultern. Das mag er gar nicht, aber die Aussicht endlich aus diesem Taxi heraus und in ein gutes amerikanisches Bett hinein zu kommen, läßt seine Augenlider heben. “Wo sind wir?” “Sie wollten doch in ein billiges Hotel, Sie Fussballjournalist. Dieses hier wird ihnen bestimmt gefallen! Es ist quasi wie für Sie gemacht.” Als Mitch aus dem Taxi steigt und seinen Blick über das “Blue Doors” schweifen lässt, ahnt er, dass seine Fahrerin ihm seine konsequente Teilnahmslosigkeit an ihrem Familienepos wohl etwas übel genommen hat. Außer der namensgebenden marineblauen Eingangstür ist nichts an dieser Absteige in gutem Zustand. Auch die anderen Häuser in der Umgebung haben wohl schon vor Jahren, vielleicht Jahrzehnten ihre besten Tage gehabt. Die berühmte Bay Area ist das hier ganz sicher nicht. Aber egal, das “Hotel” ist sicher preiswert und Mitch will jetzt nur noch ins Bett. Er greift seinen Rindleder-Koffer vom Rücksitz und wünscht Maria-Lucia noch eine gute Fahrt. Sie wirft ihm ihrerseits ein Lächeln samt Augenzwinkern zu und rast davon. “Seit wann kennt man in Mittelamerika so etwas wie Ironie”, denkt Mitch und geht hinein.

Freitag, früh am Morgen, S.F., “Blue Doors Hotel”, dritte Etage, Zimmer 308

© Jens Kühnemund / PIXELIOMitch schläft, sein Körper liegt dicht zusammengerollt auf einem großen Doppelbett. Das Fenster ist weit geöffnet und läßt neben den Straßengeräuschen der erwachenden Stadt auch ein paar Strahlen der aufgehenden Sonne auf die olivgrüne Tapete über ihm scheinen. Außer dem Bett sind im Zimmer-Preis noch ein Stahlrohrstuhl, ein Glastisch, ein Foto von der nächtlich beleuchteten Golden-Gate sowie ein hölzerner Schrank enthalten. Auf eben jenem hat Mitch vor ein paar Stunden seinen Rindleder-Koffer abgelegt, ehe er wie ein Stein in die Koje fiel. Ein zweifelsohne friedliches Bild, in das nur der langsam über die Schrankkante nach vorn rückende Rindleder-Koffer nicht so richtig passen mag. Ehe jetzt beim Leser Hoffnungen auf ein weiteres Sequel von “Poltergeist” aufkeimen, kann sich der Grund für den mobilen Trage-Gegenstand im vibrierenden Schrank gefunden werden, der seinerseits von der dahinter befindlichen Wand in Bewegung gehalten wird. Im Nachbarzimmer lebt offensichtlich eine Büffelherde oder Run DMC rücken ihre Bassboxen quer durch den Raum. Nach ein paar Minuten fällt der Koffer mit lautem Getöse herunter und Mitch erwacht. Ungewöhnlicher Weise ist er sofort Herr der Lage, hat den Übeltäter, der seinen Schlaf unterbrach, lokalisiert, sowie die Assoziationskette zu den Mitschuldigen – Schrank, Wand und Nachbarzimmer – geschlossen. Geschwind streift Mitch Hose und Hemd über und ist bereit seinen Nachbarn auf klassisch-englische Fussballerart zurechtzuweisen.

Als er den Hotelflur betritt, sieht er den Zimmerpagen samt Champagnerflasche im Nachbarzimmer verschwinden. Mitch folgt ihm und wird bald Zeuge jener Worte des Pagen, die durch Mitch’s Überlieferung später Weltruhm erlangen sollten: “Sagen Sie mir doch, Mr. Best, ab wann lief eigentlich alles falsch?” Mitch drängelt sich am Pagen vorbei und hat nun freie Sicht auf das, was jemanden zu einer solchen Aussage bewegen mag. Überall liegen Bekleidungsstücke auf dem Boden. In den Ecken stabeln sich Bierdosen und Hochprozentiges. Die Vorhänge an den Fenstern wurden durch hemmungslose Gewaltanwendung heruntergerissen. Natürlich darf auch eine schneeweisse Leupe auf dem Tisch nicht fehlen. Die Krönung ist aber zweifelsohne das Doppelbett: Zwischen einem Meer aus Geldscheinen, vielleicht zwanzig Riesen in kleinen Scheinen, liegt eine Brünette, vermutlich Jamie Lee Curtis’ Körperdouble.

Neben ihr kniet ein beleibter George Best und schreit sie an, rüttelt an ihren Armen und Beinen. Doch auf dem mit Makeup und Nasenblut verschmierten Gesicht der Beauty ist keine Regung zu erkennen. Ein klarer Fall für die Kokainambulanz. Dem Zimmerpagen scheint eine solche Situation nicht fremd. Er weiß was zu tun ist, saust ins Badezimmer, lässt die Wanne mit kaltem Wasser volllaufen. Mit vereinten Kräften trägt man den leblosen Frauenkörper vom Bett hinüber zum ‘Frischmachen’ und nach einigen Momenten im Kälteschock der Wanne ist das Gröbste überstanden. “Ich regele das, Mr. Best, das gehört bei uns zum Service”, ruft der Zimmerpage auf dem Weg nach draußen.

Freitag, später Vormittag , S.F., “Blue Doors Hotel”, Dinnerlounge

Mitch ist speiübel und er legt die Gabel neben seinen, mit sieben ungewöhnlich großen Alabama-Meiskolben gefüllten, Teller. Die Erlebnisse am Morgen liegen ihm noch etwas schwer im Magen. Kurze Zeit nachdem zwei Männer mit Schlecht sitzenden Jackets und slawischem Akzent George Best’s Bettgespräch unauffällig zum Hintereingang gebracht hatten, war auch Mitch wieder zurück in sein Zimmer gegangen. Jetzt sind er und der ehemalige UNITED-Stürmer hier zum Essen verabredet. In diesem Augenblick erscheint Best in einem beige-grünen Bademantel und lässt sich an Mitch’s Tisch nieder. Er bestellt drei rohe Eier im Martini-Glass, zündet eine Zigarette an und sagt: “Diese jungen Dinger sind einfach zu gierig, wissen nie, wann sie genug haben. Na, egal. Was machen sie eigentlich hier? Sie sind Engländer, oder?” “Ja, ich bin Engländer.”, antwortet Mitch und fährt fort: “Mr. Best, ich bin hier, weil ich sie gesucht habe.” “Sie haben mich gesucht? Kennen wir uns von irgendwoher?” “Nein, ich bin Journalist und ich würde gern mit ihnen ein Interview machen.” “Ein Interview? So etwas hab ich schon lange nicht gemacht und wollte es auch eigentlich nie wieder tun. All’ die Lügen, die ihre Kollegen in den letzten Jahren so verbreitet haben… Naja, von mir aus. Sie haben mir ja heute morgen auch geholfen.” George Best zündet sich eine weitere Zigarette an und schluckt den Inhalt des Martiniglases in einem Zug herunter. Nach einem kurzen Moment der Besinnung legt Mitch los:

Mitch: “Mr. Best, spielen sie noch Fußball?”

George Best: lacht “Ach ja, Fussball, da war ja mal was. Nein, sicher nicht. Hier in diesem Land kann man keinen Fussball spielen. Die Yankees denken vielleicht, sie würden es tun, aber eigentlich ist das nur Kinderkram, so wie Basketball. Kaum willst Du mal in einen Zweikampf gehen, fällt dein Gegenüber schluchzend um und gibt dir die Visitenkarte von seinem Anwalt. Ich hatte in den letzten zwei Jahren vier Prozesse wegen Körperverletzung. Dabei hatte ich doch immer nur den Ball gespielt.”

Mitch: “Warum kommen Sie dann nicht zurück nach England?”

George Best: “Fuck off! Mit England bin ich fertig. Falls ich doch noch einmal englischen Boden betreten werde, dann nur um dieser debilen Pissnelke Docherty (Tommy Docherty, UNITED-Manager, Red.) seinen Schwanz abzuschneiden und ihm das winzige Ding dann ihn sein dreckiges Maul zu stopfen.

Mitch: “Kann ich das so schreiben?”

George Best: “Natürlich können sie!”

Mitch: “Verfolgen Sie die aktuellen Geschehnisse in der Premier League? Gibt es einen Spieler, den sie dort heute schätzen, vielleicht Ian Rush von Liverpool?

George Best: Ian Rush? Der kann nicht mit links schiessen, kann den Ball nicht führen, sieht scheiße beim Tackling aus und er schiesst viel zu wenig Tore. Aber ansonsten ist er ganz gut.

Mitch: “Kommen wir zu dem, was sie jetzt machen. Wenn ich mal einen Satz von heute Morgen aufgreifen darf: Mr. Best, ab wann lief eigentlich alles schief?”

George Best: “Keine Ahnung, was Sie meinen? Solche Sachen, wie die von vorhin, kommen einfach vor. Es ist doch normal, dass man mal etwas über die Stränge schlägt. Haben sie noch nie einen Tropfen zuviel getrunken?”

Mitch: “Doch natürlich. Aber meine Saufkumpels hat danach noch nie die russische Kokainpatrouille zum harten Entzug begleiten müssen.”

George Best: “Jetzt übertreiben Sie aber, das war doch halb so schlimm. Der Kleinen passiert schon nichts. Morgen steht sie wieder zum arbeiten auf der Straße.”

Mitch: “Wenn ich an das viele Geld vorhin in Ihrem Bett denke, kann es Ihnen ja zumindest nicht schlecht gehen. Sie haben ja auch in den Jahren bei UNITED einiges an Prämien eingesteckt und der Transfer zu den Aztecs dürfte ihren Anlageberater gefreut haben. Haben Sie sich hier ein schönes Haus am Meer gekauft und vielleicht auch wieder in Bars und Boutiquen investiert?”

George Best: Ich wohne in einem guten Hotel, unten am Hafen. Mir ein Haus zu suchen, war einfach viel zu anstrengend. Außerdem ist auch nicht mehr so viel vom Geld übrig.

Mitch: Was haben sie denn damit gemacht?

George Best: “Naja, so dies und das. Ich habe viel für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Und den Rest habe ich einfach so verprasst.”

Das Interview geht noch etwa eine halbe Stunde so weiter. Dann kommen drei Männer in bunten Hawaihemden und kurzen Shorts, offensichtlich Freunde von George Best und er verabschiedet sich. Er müsse jetzt was erledigen, wolle aber am Abend wieder zurück kommen und Mitch dann mit auf eine Party bei Hugh Hefner nehmen. Mitch wartete zwei Tage. Dann entscheidet er sich zurück nach England zu fliegen, seiner Exfrau mal so richtig die Meinung zu sagen, ihren gemeinsamen Balg ins Heim zu geben, seinem Chef die Stadion-Akkreditierung in den Arsch zu stecken und dem ‘Daily Mirror’ dieses Interview mit George Best anzubieten – für einen Koffer voll Geld, versteht sich …

Ende

Dieser Text ist 2005 in der 62. Ausgabe des Leipziger Musikmagazins Persona Non Grata in einem Special zum Thema Sport erschienen.

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