Need Another Hero

FilmZwei sehr unterschiedliche Darstellungen von vermeintlichen Helden sind mir kürzlich als Film vor die Flinte geraten. Zum einen fand ich endlich jemanden, der mit mir „Terminator Salvation“ im Kino anschauen wollte und zum anderen ist Bryan Singers „Valkyrie“ pünktlich zum Jahrestag des Stauffenberg-Attentats auf DVD erschienen. Beide Streifen künden vom Widerstand, vom Aufbegehren gegen die Verhältnisse, beide stellen dabei eine Person in den Mittelpunkt, zelebrieren jene als selbstlosen Kämpfer für die Gerechtigkeit.

Viel ist im Vorfeld über Tom Cruise Darstellung des Grafen Stauffenberg in „Valkyrie“ (dt. Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat) geschrieben worden, mitunter schien dabei Cruises Mitgliedschaft in einer Sekte weit mehr von Belang, als der zumindest zwiespältige Blick auf den Nazi-Erfüllungsgehilfen und Hitler-Attentäter, den Cruise hier spielt. Mit einer gewissen Spannung, wie der in einer jüdischen Familie aufgewachsene Regisseur Bryan Singer („Die üblichen Verdächtigen“) Stauffenbergs Wandlung vom Sympathisanten der Nationalsozialisten zum Attentäter interpretiert, versuchte ich „Valkyrie“ beim Schauen zumindest alle Chancen auf Gedeih und Verderb offen zu halten.

Schon kurz nach Beginn wird hier klar, worum es Bryan Singer mit „Valkyrie“ eigentlich geht: Um einen – vom Genre her – klassischen Bankräuber-Thriller im „Fuehrer“-Gewand, mit der Besonderheit, dass hier nicht etwa die Kronjuwelen zu stehlen sind, sondern der knöcherige Reichs-Adolf in die Luft gesprengt werden soll. Singer führt Stauffenberg als ehrvollen Kämpfer an der Afrika-Front ein, der den „Wüstenfuchs“ Rommel noch zum Rückzug bewegen will, ehe er schwer verwundet wird. Wenig später findet sich der Graf in einer konspirativen Runde wieder, die den großen Beutezug plant. Das bisher fehlende Glied, der heldenhafte ausführende Arm, ist fortan Stauffenberg und schon beginnen die Vorbereitungen, mit allem, was man im Bankräuber-Genre so kennt. Bombe, Zünder, wie kommt man rein (in die Bank, die hier „Fuehrerbunker“ heißt), wie wird der stille Alarm abgeschaltet, Fluchtplan etc, etc …

Gäbe es die Bezüge zur deutschen Historie nicht, hätten sich Cruise und Singer nicht auf die Fahnen geschrieben, dem heimischen Widerstand im Nationalsozialismus ein Gesicht zu geben, man könnte dem unaufgeregt inszenierten Treiben durchaus mit Vergnügen zuschauen. Doch das geht eben deshalb keineswegs. Nicht nur, dass der Film durch die verkürzte Darstellung von Stauffenbergs Leben, durch das komplette Auslassen seines Aufstiegs zum „idealen Soldaten“ (Zitat Adolf Hitler), der sich beim Überfall auf Polen und Frankreich zahlreiche Lorbeeren verdiente und das Bild von der deutschen Herrenrasse mit den Nationalsozialisten teilte, den Grafen als „reinen Helden“ erscheinen lässt. Singer legt Stauffenberg sogar die Absicht in den Mund, Hitler töten zu wollen, um die Konzentrationslager schließen zu können – was nicht weniger als einer kompletten Revision der Intentionen der Verschwörer vom 20. Juni 1944 gleich kommt, die „nur“ ihr „heiliges“ Deutschland und das deutsche Volk vor dem totalen Zusammenbruch bewahren wollten.

Wäre Bryan Singers Held ein fiktiver, man könnte die einseitige Darstellung im Film wenigstens als dürftige Ausgestaltung des Charakters übersehen und den Streifen in die weitläufige Mittelmäßigkeit verbannen. Ob der klaren Personalie Stauffenberg, seiner Rolle im Nationalsozialismus und der versuchten Darstellung dieses Attentats auf Adolf Hitler ist „Valkyrie“ für mich allerdings weit schlimmer als mittelmäßig. Der Film versucht Geschichte umzudeuten, will zweifellos mutigen Menschen bei ihrem Streben nach der Machtübernahme als humanistische Helden ehren und dabei vor allem ihre Beweggründe deutlich verklären.

Auch McGinty „McG“ Nichols „Terminator Salvation “ (dt. Terminator: die Erlösung) hat schwer mit den Referenzen zu kämpfen, die hier jedoch fiktiver Natur sind und auf James Camerons Schwarzenegger-Cybork-Klassiker „Terminator“ und „Terminator 2“ verweisen. Nach einem dritten Film aus der Reihe, der vor allem als großes Zitat-Potpourri der ersten beiden fungierte, wollte Regisseur McG bei der aktuellen Fortführung wohl einen optischen wie auch inhaltlichen Neuanfang und inszenierte den immer währenden Kampf Mensch gegen Maschine als düstere Endzeitvision, ohne postmoderne Verortung und fern ab jeglicher Ironie.

Dabei blieb vor allem die in der Vergangenheit zumindest vage Vorstellung von einer komplexen Geschichte hinter dem Stahlgemetzel bis auf gelegentliche und meist kaum logisch nachvollziehbare Andeutungen vollkommen auf der Strecke. „Terminator Salvation“ ist so einzig ein zweistündiges Kräftemessen, eine atemlose Hatz durch vollkommen zerstörte Metropolen, bei der es immer wieder neue und noch fulminantere Maschinen auf die geschunden Körper der menschlichen Protagonisten abgesehen haben. Sollte der Eindruck entstehen, dass dies zu missbilligen sei: keineswegs. Diese Hatz ist nicht nur kurzweilig und spannend, sondern auch visuell sehr fesselnd umgesetzt. Dunkle, graue und braune Schatten dominieren die Leinwand – Trostlosigkeit, wohin die Kamera auch schwenkt. Jede der Maschinen ist für Genre-Fans eine Augenweide, wirkt monumental, kaum zerstörbar und vor allem wirklich böse. Oder um es anders zu sagen: Menschen, die bei „Star Wars“ oder „Krieg der Welten“ Blut und Wasser geschwitzt haben, sollten hiervon einfach die Finger lassen.

Nicht einmal McG’s Held John Connor – gespielt von Christian Bale – vermag gegen die Verschrottungsorgie Akzente zu setzen und das ist wohl der größte Wehrmutstropfen dieses Terminators. Ganz im Gegenteil: Blass und bisweilen gar peinlich offenbart sich hier die Inszenierung von Widerstandes und Heldentum. Ästhetisch angelehnt an linke Revolutionen des 20. Jahrhunderts, vor allem an die russische Oktoberrevolution und Guerilla-Kriege Mittel- und Südamerikas, inklusive der obligatorischen roten Armbinden und Baskenmützen für Widerstands-Führungspersonal, werden hier hölzerne Durchhalteparolen auf unterstem Klischee-Niveau gedroschen, so dass von Christian Bales Charisma nicht mehr bleibt, als eine Handvoll Fliegendreck. Auch der Cameo-Auftritt des T800 in Form eines digital recycleten Arnold Schwarzeneggers und die anfänglich begeisternde mürrisch-kühle Darstellung eines Human-Androiden durch Sam Worthington können da noch viel retten.

Angesichts der schon beschriebenen Bildgewalt der Mensch-Maschinen-Schlachten inklusive des dröhnend-minimalistischen Soundtracks lassen sich diese Defizite allerdings zumindest für einen Kinoabend verschmerzen.

Vampire in der Nachbarschaft

Film

Wenn auch nicht mehr ganz taufrisch und in den meisten Programmkinos wohl schon auf dem Abstellgleis, will ich hiermit auf den wirklich fabelhaften schwedischen Vampirstreifen „So finster die Nacht“ von Tomas Alfredson hinweisen. Der mir bisher unbekannte, aber wohl recht erfolgreiche Roman von John Ajvide Lindqvists über den 12-jährigen Oskar und seine nachtaktive neue Freundin Eli ist hier gleichsam beunruhigend und verzaubernd umgesetzt worden. Die Darsteller sind durch die Bank weg wunderbar, die Ausstattung (angestaubte schwedische Plattenbausiedlung, 1980er Jahre) passt perfekt zur morbiden Story.

In Leipzig ist „So finster die Nacht“ derzeit z.B. noch in de Schauburg zu sehen. Also, hingehen.

Mehr zum Film: So finster die Nacht