Bullen an der Pleiße

SportDie „Hoffnung Mitteldeutschlands“, sie hat einen neuen Namen: RB Leipzig. Seit Wochen gleicht der hiesige Blätterwald und auch manch auswärtiger angesichts der aktuellen Entwicklungen im Leipziger Fußball einer Dauererrektion. Endlich, ja, endlich scheint die Fußball-Bundesliga, vielleicht gar die Champions League in der Messestadt wieder ein ernst zu nehmendes Thema, kann man den unzähligen sportlichen und vereinswirtschaftlichen Niederlagen in den vergangenen Jahr(zehnt)en unbändigen Optimismus entgegensetzen. Grund für die Euphorie ist der Entschluss eines österreichischen Brause-Herstellers, sich als sportlicher Gönner in Leipzig zu versuchen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Red Bull den brach liegenden Fußball-Zirkus in Leipzig als lohnendes Marketing-Objekt ins Auge fasst. Bereits vor zwei Jahren streckte der Firmenchef Dietrich Mateschitz seine Fühler gen Pleiße, wollte dem FC Sachsen ein paar Stiere vor den Karren spannen, die dann mit seinem Firmenlogo gen Champions League  walzen sollten. Wie es heißt, scheiterte die Übernahme damals noch an den Liga-Bestimmungen zur Präsenz von Firmen in der Vereinsbezeichnung und am Gewaltpotential der Leipziger Traditionsclubs. Nicht mit Gewalt, aber mit aller Macht kehrt Red Bull nun durch die Hintertür in den hiesigen Fußball zurück. Der Vorort-Oberligist SSV Markranstädt war sich nicht zu schade, Haus, Hof und vor allem Spiellizenz an die Österreicher zu verscherbeln.  Auch der zuständige nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) jubelte und öffnete dem Brausegiganten Red Bull unter dem Deckmantel der Rasenballer, kurz RB Leipzig, jegliche Liga-Statuten. Hauptsache, das Leipziger Fußball-Event-Potential wird endlich angemessen ausgeschöpft.

Was er macht, das macht er richtig – schreibt der lokale Sportjournalist Guido Schäfer seit Wochen sinngemäß über den Brause-Mateschitz, kolportiert dreistellige Millionen-Investitionen in den Leipziger Fußball und feiert jeden Bullen-Furz als göttlichen Fingerzeig in die Champions League. Nicht zuletzt ,wird hier in jedem zweiten Halbsatz über den neuen Verein auch das angeblich Flügel verleihende Produkt der Österreicher gepriesen, als hätte Mateschitz mit dem SSV Markranstädt auch gleich noch kostenlose Anzeigen in den Medien erworben. Zumindest kann Red Bull so schon jetzt einen beachtlichen Marketing-Mehrwert  aus seinem Leipziger Engagement  verbuchen – sogar mein Vater rief mich kürzlich an und wollte wissen, wo es denn diese österreichische Brause gibt, die jetzt täglich in der Zeitung stehe.

Doch zurück zum Fußball, den es hier ja künftig viel besser und erfolgreicher geben soll. Mit einem Spielrecht für die Oberliga, die fünfthöchste Spielklasse,  geben sich die Rasenballer natürlich nur sehr kurzfristig zufrieden. Rauf und rauf soll es gehen, in maximal fünf Jahren schon die 2. Bundesliga erreicht sein. Wie solch’ ein überaus ambitionierter Erfolgsplan bei aktiver sportlicher Konkurrenz funktionieren soll, wissen wir jetzt auch: mit gut bezahlten Profis aus höheren Ligen natürlich. Angesichts der mehr oder minder namhaften Rasenball-Neuzugänge , inklusive  des ehemaligen Nationalmannschafts-Bankdrückers Ingo Hertzsch, fallen mir zumindest die einstigen Visionen der früheren „Hoffnung Mitteldeutschlands“ ein. Mit ebenfalls top-bezahlten  Zweitliga-Profis  wollte der FC Sachsen einst den Niederrungen des Regionalfußballs entrinnen und avancierte dabei zum Gespött der Liga. Passable Fußballer, wie Rolf-Christel Guié-Mien, Adebowale Ogungbure oder der Zweitliga-Goalgetter Josef Ivanovic, blieben zwischen Halberstadt und Auerbach meist im unwegsamen Geläuf hängen oder ließen sich nach unabdinglichen Tritten der Gegenspieler regelmäßig zu Tätlichkeiten hinreißen. Mit Timo Vogel sitzt derzeit zumindest ein Kenner der regionalen Sportplätze auf der Trainer-Bank. Doch ob Hertzsch und Co. im Falle von Misserfolgen seine Autorität akzeptieren, bleibt zumindest fraglich.

Der sportliche Werdegang der Rasenballer  ist natürlich trotz meiner fachlich überaus eloquenten Einschätzung 🙂 offen und mit etwas Glück gelingt dem Team ein guter Saisonstart, der für den „FC Bayern“ der Oberliga manches einfacher werden lässt. Vielleicht strömen dann auch die zweifellos zahlreichen Leipziger Fußball-Fans ohne Herzblut für FC Sachsen, 1. FC Lokomotive oder BSG Chemie ins Markranstädter „Stadion am Bad“ und werden dort vom  sicher umfangreichen Entertainment-Programm  der Roten Bullen begeistert. Ich persönlich bin gespannt, ob die zahlreichen Berichte über das ätzende Wesen des „Modernen Fußballs“ beim österreichischen Meister Red Bull Salzburg auch für RB Leipzig zutreffen werden – und werde natürlich ggf. an dieser Stelle darüber berichten.

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5 Gedanken zu “Bullen an der Pleiße

  1. Pingback: RB Leipzig ist Deutschlands „erster Marketingclub“ | chemieblogger.de - Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie

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