Ein Spieler – ein Genie – ein Martiniglas

Mittwoch, kurz vor Mitternacht, Southend-on-Sea (S.-o.-S.), Redaktionsgebäude, neunte Etage

© Thilo Reiter / PIXELIOHinter der letzten milchgläsernen Bürotür, am Ende eines mit Teakholz-Attrappen beschlagenen Flurs, übertönt ein regelmäßiges Röcheln unschwer das Summen der Deckenventilatoren. Draußen vor dem Bürofenster wirft ein Sturm schmierige Böhen aus Regen, Koks und Straßendreck gegen die getönten Scheiben. Endlich Regen, nach Wochen ununterbrochener Hitze endlich Regen. Seit vier Jahren, seit der sommerlichen Hitzewelle 1976, hatte die Sonne nicht mehr so lange ungeschoren auf die Stadt gebrannt. Mitch konnte gar nicht so viel saufen, um seinem unabdinglich schwitzenden Körper wieder ausreichend aufzutanken. Er sitzt in dem kleinen Büro am Schreibtisch. Genauer gesagt ist sein Oberkörper auf jenen vor gut vier Stunden niedergesunken. Mitch schläft. Er schläft wahrscheinlich den tiefen Schlaf eines Johnny Beam, José Bacardi oder Boris Smirnoff. Oder er war einfach nur müde. Zum Schlafen findet sich immer ein Anlaß.

Mitch weiß zweifelsohne jede Menge Gründe, der Realität eine gute Nacht zu wünschen und in die unendlichen Weiten einer gesunden Bewußtlosigkeit abzutauchen. Er sieht sich seit geraumer Zeit den klassischen Beweggründen einer Mitdreißiger-Depression ausgesetzt: Frau ausgeflogen, Bälger gibt’s jedes zweite Wochenende. Dafür drücken Unterhaltsforderungen an jedem Monatsersten den Kontostand gen Dispokredit. Karriere? Welche Karriere? Nennen wir’s einen Job. Schriftsteller wollte er sein, gefeierter Romancier, von mir aus auch Literaturnobelpreisträger. Journalist ist er geworden, nicht mal Großstadt-Feuilleton – beschissene Sportredaktion bei einem verschissenen Provinzblättchen. Immerhin darf er jede Woche kostenlos ins Stadion zu UNITED. Nur leider spielt dieses UNITED in der Fourth Division, also der fünften englischen Liga und eint somit nur den Namen mit dem ruhmreichen Club aus Manchester. Mitch hat es satt jede Woche wortreiche Lobeshymnen auf nicht einmal ansatzweise talentierte Spieler in seine nagelneue Boerder-Schreibmaschine zu tippen. Aber der Boss will es so, die vierundzwanzig Spielerfrauen wollen es so und die schätzungsweise fünfzehn Fans, die jeden Montag- und Donnerstagmorgen die Freiverkaufszahlen der Zeitung in die Höhe schnellen lassen, wollen es auch so. Vor vier Stunden hat er seine unkritisch optimistische Bewertung des heutigen Ligapokal-Debakels gegen Oxford abgeliefert und beschlossen, dass es so nicht weitergehen darf.

Es ist nur ein Traum, aber ein Traum zum einrahmen, den Mitch träumt. Er steht in einem großen Haus mit sonnendurchfluteten Räumen. Mitch schmeckt Salz und riecht Sonnenöl. Ja, er träumt sich in ein großen Haus am Ozean. Da ist Musik, irgendeiner dieser fluffigen, leicht dümmlichen Songs, die von luftigen Cabriolets und jeder Menge Psychopharmaka künden, dudelt vor sich hin. Oh ja, Mitch träumt sich in eine kalifornische Strandvilla.

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